Virale Hetzkampagnen in Social Media – cui bono?

Posted by on Jan 26, 2014 | No Comments

whaling

In den letzten Tagen wird meine Timeline bei Facebook förmlich geflutet von Aufschreien über eine angebliche willkürliche Abschlachtung von Delfinen vor den Färöer Inseln. Die grausamen Bilder, so behauptet der verlinkte Artikel, seien Dokumente von Reiferitualen, bei denen junge Insulaner friedfertige vom Aussterben bedrohte Delfine hinrichten, um sich zu beweisen. Der Artikel auf der chinesischen Social Website qq fordert die Leser auf, weiter zu teilen und dieses Ereignis damit zum Einhalten zu zwingen. Ich fühle mit den Menschen, die den Artikel weiterleiten. Niemand möchte Tiere auf die dort beschriebe Weise misshandelt wissen, gequält oder ausgerottet sehen. Nur leider führt der Artikel seine Leser – absichtlich oder unabsichtlich – zu einigen falschen Schlüssen, und verkommt damit zur viralen Hetzkampagne.

Auf der anderen Seite

Die Gerüchteplattform snopes.com hat bereits vor 5 Jahren eine Kettenmail mit exakt diesem Inhalt geprüft und einige kritische Fehler gefunden. Der womöglich Harmloseste ist die Bezeichnung der Tiere. Auch wenn es sich nicht um Delfine handelt, die sicherlich öffentlichkeitswirksamer sind als Grindwale („falsche Wale“ aus der Familie der Delphinidae) kann man hier mit einigem Wohlwollen auch einen Übersetzungsfehler vermuten. Die Behauptung die Tiere wären vom Aussterben bedroht ist in jedem Fall unwahr. Nach eigenen Angaben wurden im letzten verzeichneten Jahr – 2008 – genau 0 Wale getötet, von einer geschätzten Population von über einer Million – siehe Wikipedia. Die Darstellung als Sport und Mannwerdungsritual scheint angesichts der Tatsache das in der Vergangenheit bis zu einem Viertel des auf den Inseln verzehrten Fleisches auf diese Weise gewonnen wurde an den Haaren herbeigezogen. Das Leid der Tiere dürfte ebenfalls überzeichnet sein; offizielle Stellen geben an (nach den NAMMCO-Vorschriften zur nachhaltigen und artgerechten Jagd), dass die Tötung der Tiere dank modernster Werkzeuge unter zwei Sekunden dauert – und damit weder länger noch grausamer ist als die Schlachtung anderer Tiere in Schlachthöfen.

Was aufgrund des Alters der Informationen kaum zu bekommen ist sind verlässliche Zahlen, ob diese Praxis überhaupt noch existiert. Als Alpha-Raubtier ist das Fleisch der Grindwale extrem mit Schwermetallen und Umweltgiften belastet, von einem Verzehr von mehr als einer Mahlzeit im Monat rät die Färöer Regierung bereits ab. Es liegt also nahe, dass seit 2008 diese Jagdmethode überhaupt nicht mehr zur Anwendung kommt. Ich habe bei offiziellen Stellen nachgefragt und warte gespannt die Antworten ab.

Die wahren Gewinner – und die Verlierer…

Wer von dieser Kampagne letzten Endes profitiert lässt sich nicht direkt ausmachen. Die Tatsache, dass der Artikel auf qq veröffentlicht wurde bedeutet zumindest den Segen, wenn nicht gar den Auftrag der chinesischen Regierung, die trotz aller Lippenbekenntnisse zum Tier- und Naturschutz dringend vor ihrer eigenen Haustür kehren sollte . Also Ablenkung von den eigenen Verfehlungen oder ein tatsächlicher Tierschutzaktivist aus China? Jedenfalls kommt der Artikel nicht denen zugute, die wirklich erbost sein dürfen – die Einwohner der Färöer Inseln selbst, die sich nach eigenen Angaben in den letzten 400 Jahren nachhaltig um ihren Bestand an Grindwalen gekümmert haben und denen in den letzten 10 Jahren durch die Vergiftung unserer Meere eine wichtige Quelle von Lebensmitteln versiegt ist.

Am Ende bleibe ich die Antwort wer von dieser Aktion profitiert schuldig. Ich kann nur betonen, dass es sich immer lohnt, die andere Seite eines viralen Links anzuschauen, bevor ich ihn weitergebe. Womöglich wird mein Vertrauen und meine Hilfsbereitschaft hier ausgenutzt und ich für andere Dinge instrumentalisiert als mir eigentlich klar ist.

Berthold Barth
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